Interview mit František Preisler - Mit Witwen habe ich einfach Pech !
Mit zwanzig Jahren war er der jüngste Dirigent aller Zeiten am Prager Nationaltheater. Umfangreich sind auch seine Auslandsaktivitäten , welche vom slowenischen Ljubljana über den Moskauer Kreml bis nach Taiwan reichen. Zu Hause machte er sich einen Namen als Dirigent, der die Grenzen zwischen den verschiedenen Musikgenres aufbricht, und sie so einander näherbringt. FRANTIŠEK PREISLER (31) hat der Zeitschrift „Šastný Jim ein Exclusivinterview gegeben. Er erzählt in ihm über seinen Lebensweg, über Künstler, die ihn beeinflusst und ihn künstlerisch und menschlich weitergebracht haben.
Sie sollen aus einer gräflichen Familie stammen, in der die Musiktradition von Generation zu Generation weitergegeben wurde.
Vier meiner Vorfahren waren Dirigenten. Eine Ausnahme bildet lediglich mein Vater, welcher Opernregisseur ist und künstlerischer Leiter der Brünner Oper war. Doch auch mein Vater liebte das Dirigieren und hat auch dirigiert, wenn auch nicht professionell. So hatte unser Geschlecht immer etwas mit Musik zu tun. Die Wurzeln unseres Geschlechtes reichen zu einem gewissen František Velebický, welcher Hofkappellmeister am Wiener Hof war und für seine Verdienste den Adelstitel eines Grafen verliehen bekam. Im Rahmen der Germanisierung musste er seinen Namen ändern, und daher bin ich František Preisler VI. ( preisen = velebit). Und gerne möchte ich erwähnen, dass der Urgroßvater - František Preisler III. auf dem Konservatorium in der Klasse von Antonín Dvoøák Komposition studiert hat. Das war zu der Zeit, als Dvoøák Direktor des Prager Konservatoriums war.

Ihre Großmutter väterlicherseits soll aber auch interessante Vorfahren gehabt haben.

Ich wurde in Olomouc geboren. Meine Mutter war Sängerin an der dortigen Oper, mein Vater führte dort Regie, Großvater dirigierte und Großmutter war dort Schauspielerin. Und diese Großmutter väterlicherseits wurde in Bruck an der Leitha, auf dem Gebiet des damaligen Österreich- Ungarn, geboren. Ihr Vater, Ludvík Èernohorský diente als Armeekappellmeister im 91. K.u.k-Regiment. Sein Kappellstab ist bis heute erhalten geblieben und ich bewahre ihn zu Hause als eine Art Reliquie auf. Als Großmutter noch im Kinderwagen saß, wurde sie von Jaroslav Hašek spazierengefahren. Sie kannte auch den echten Oberleutnant Lukáš und andere Figuren, welchen im zweiten Teil des „Guten Soldaten Schwejk“ auftreten.

Und was ist mit ihren Kindern? Treten Sie in ihre Fußstapfen und in die Fußstapfen ihrer Vorfahren?

Ich habe zwei Jungen. Lustig und interessant ist, dass bei uns der Älteste immer František hieß und immer mindestens einen Sohn hatte. Immer hat es sich um einen Musiker gehandelt und ich hoffe, dass es in der siebenten Generation nicht anders sein wird.

Und was machen ihre Geschwister?

Ich habe eine Schwester Jana, welche achtzehn Jahre älter ist und den italienischen Operntenor Gaetano Bardini geheiratet hat. Mit ihm hat sie einen Sohn Giuseppe, der drei Jahre jünger ist als ich.

Wie berühmt ist Ihr Schwager?

Er ist richtig berühmt, schließlich hat er sieben Jahre lang in der New Yorker Metropolitan Opera gesungen. Er wirkte dort unter dem Direktor Rudolf Bing – eine berühmte Ära. Der Schwager ist 74 Jahre alt. Immer noch reist er in der Welt umher und singt. Zudem ist er ein großartiger Gesangslehrer. Er ist ein echtes Naturphänomen. Aber das ist noch nicht alles. Wenn er von seinen Auslandstourneen in sein italienisches Heim zurückkehrt, setzt er sich auf einen Traktor und pflügt das Feld. Schon als kleiner Junge habe ich, zusammen mit meinen Eltern, meine Schwester und meinen Schwager besucht. Daher haben meine Eltern Fotos, auf denen die weltberühmte Sopranistin Renata Tebaldi mich in ihren Armen hält oder auf denen ich mit Galliano Massini, einem weltberühmten Tenor und einer Legende der Belcanto-Ära, zu sehen bin.

Wie alt sind ihre Söhne?

Meine Söhne sind drei und fünf Jahre alt. Sie heißen Matìj und Václav.

Warum haben Sie keinen ihrer Söhne František genannt?

Damit Sie nicht durcheinander kommen, wenn einer von ihnen, die Musikrichtung einschlägt. Wenn man bedenkt, dass sich bei beiden die ersten musikalischen Neigungen zeigen, dann habe ich wohl alles richtig gemacht.

Man weiß recht wenig darüber, was Sie alles studiert haben.

Am Brünner Konservatorium belegte ich die Fachrichtung Orgelspiel. Danach studierte ich an der Janáèek-Universität der Musischen Künste die Fachrichtung Dirigieren. Ich schloss die Studien in Wien ab, wo ich in der Klasse von Professor Kalmár, des BBC-Dirigenten, ein Jahr lang Dirigieren studierte. Ich habe aber auch Operngesang und Posaunenspiel studiert.

Aber wozu muss ein Dirigent Posaune spielen können und was nützt ihm Operngesang?

Schon mit drei Jahren hat mich das Dirigieren fasziniert und am glücklichsten war ich, wenn ich mit einem Holzstäbchen ein imaginäres Orchester dirigieren konnte. Als ich ungefähr elf war, sagte mir mein Großvater, der Dirigent František Preisler IV.: “Wenn du ein wirklich guter Dirigent werden möchtest, musst du alles um das Dirigieren herum kennenlernen. Du musst perfekt Klavier spielen können und um die Farben eines Orchesters kennenzulernen, musst du das Spiel auf der Orgel studieren.“ Und ich habe mir seine Worte zu Herzen genommen und privat auch Gesang studiert. Ich habe auf der Bühne der Olomoucer Oper und der Brünner Operette gesungen. 1993 wurde ich auf dem internationalen Franz Lehár - Gesangswettbewerb in Komárno mit einem Preis ausgezeichnet. Gerade kürzlich bin ich aus Italien zurückgekehrt, wo ich bei meinem Schwager Gaetano Bardini einige Gesangslektionen genommen habe. Im Operetten- und im Opernorchester des Nationaltheaters in Brünn habe ich die Celesta, die Orgel, das Klavier sowie die Posaune gespielt. Ich wollte einfach wissen, wie man den Dirigenten von der Bühne und vom Orchestergraben aus sieht, und zwar noch bevor ich selber anfange zu dirigieren. Und in Brünn habe ich fast drei Jahre lang als Korepetitor gearbeitet. Tatsache ich aber, dass ich dem Dirigieren den Vorzug gebe. Ich habe nicht vor, mich gezielt dem Gesang oder dem Spiel auf der Posaune zu widmen. Nichts desto trotz glaube ich, dass auch in der Musik im übertragenen Sinne gilt, dass jede neue Sprache das menschliche Bewusstsein erweitert.

Angeblich hat nur wenig gefehlt, und aus Ihnen wäre ein Musicalsänger geworden.

Das stimmt. 1992 gewann ich die Ausschreibung für die Rolle des Mario in der Prager Inszenierung des Musicals „Les Misérables“ ( die Elenden). Das Stück lief drei Monate lang im Vinohradské Divadlo. Schließlich habe ich in dem Musical doch nicht mitgespielt. Es war gerade die Zeit vor dem Abitur am Brünner Gymnasium und meine Pädagogen waren der Meinung, dass ich mehr zu den Prüfungen nach Prag fahren, als studieren würde. 1994 habe ich dann 250 Aufführungen des Musicals „Jesus Christ Superstar“ von Andrew Lloyd Webber und Tim Rice einstudiert und dirigiert. Bei der Arbeit an dieser Rockoper hat sich die Richtigkeit der Worte meines großen musikalischen Vorbildes Leonard Bernstein gezeigt. Von ihm stammt der Ausspruch, dass Musik entweder gut oder schlecht ist. Meine Meinung ist, dass wenn man das Zeug dazu hat, alles im Leben probieren sollte. Ich meine das natürlich nicht wortwörtlich. Es existieren Grenzen, die der Mensch nicht überschreiten kann. Die Arbeit an „Jesus“ hat mich zu meiner heutigen Tätigkeit geführt. Mein Wirken auf dem Gebiet der klassischen Musik kompensiere ich durch Ausflüge in die Welt der Popmusik, des Swing und des Musicals. Solche Ausflüge sind unglaublich schön und ich bin sehr froh, dass mich der Trompeter Václav Týfa, einer der besten Musiker die wir haben, dabei begleitet. Václav Týfa, mein Lehrer und Freund, gehörte früher zum Orchester von Ladislav Štaidl und ist jetzt Mitglied des Großen Orchesters des Žofin-Palais.

Sie haben Andrew Lloyd Webber erwähnt. Welchen Anteil haben Sie an der Premiere eines seines Hauptwerke in der Tschechischen Republik?

Mitte der neunziger Jahre wurde ich gebeten, im Rudolfinum zu Ehren meines Dirigentenvorbildes Zdenìk Košler, die Premierenaufführung des Stückes „Requiem“ von Andrew Lloyd Webber zu übernehmen. Der Autor hatte es für seine damalige Ehefrau Sarah Brightman und seinen Freund, den Operntenor Placido Domingo, geschrieben. Für die Tenorstimme wählte ich damals Leo Marian Vodièka aus, für die Sopranstimme Lucie Bílá, welche damit zum erstenmal in die Welt der klassischen Musik trat und so das Spektrum ihres Repertoires erweiterte. Zu Anfang hatte Lucie große Angst. Ein halbes Jahr haben wir diesen enorm anspruchsvollen Part einstudiert, und heute bin ich froh, dass wir die Sache damals angegangen sind. Seit dieser Zeit arbeiten Lucie und ich ständig zusammen, und kaum einer weiß noch, dass die Arie „Pie Jesu“, welche heute zu den Pfeilern im Repertoire von Lucie Bílá gehört, eben aus dem „Requiem“ von Andrew Lloyd Webber stammt.

Danks des Musicals „Jesus Christ Superstar“ begann ihre Zusammenarbeit mit Karel Gott, ermöglichten Sie seine, von ihm so gewünschten Ausflüge in die Welt der Oper und der italienischen Canzonetten.

Ich denke, der wichtigste Trumf von Karel Gott ist die Tatsache, dass er klassischen Gesang studiert hat. Immerhin war sein Professor, der Tenor Konstantin Karenin, ein Schüler Schaljapins gewesen. Ihm hat es Karel zu verdanken, dass er sich die richtige Gesangstechnik angeeignet hat und ihm das Schicksal vieler Opernsänger, die sich durch eine falsche Gesangstechnik vorzeitig ruiniert haben, erspart blieb. Und glauben Sie mir, das ist ein echtes Naturwunder, dass Karel nach Hunderten von Plattenaufnahmen und Tausenden von Konzerten in seinem Alter so gut singt. Von Karel habe ich unheimlich viel gelernt. Aufgrund seines Pflichtbewusstseins, seines Fleisses, seines Anstands und seines herrlichen Verhältnisses zu den Menschen ist er für mich ein Muster an Professionalität.

Karel Gott soll Sie ja einmal ganz schön aus der Fassung gebracht haben.

Das stimmt wirklich. Einmal übten wir bei ihm zu Hause am Klavier zusammen drei Stunden lang für ein Konzert und gingen das ganze Repertoire durch. Ich war schon fast, wie man so schön sagt, „am Umfallen“, also sagte ich Karel, dass wir uns am nächsten Tag bei der Orchesterprobe wiedersehen werden. Doch er gab mir verwundert zu verstehen, dass wir noch nicht fertig seien, dass wir alles noch einmal von vorn durchgehen werden. Er wollte eben die hundertprozentige Überzeugung haben, dass wir für das Konzert gut vorbereitet sind. Und außerdem möchte ich sagen, dass Musiker dafür bekannt sind, dass sie nicht so schnell jemanden loben. Aber für die Mitglieder des Großen Orchesters des Žofin-Palais kann ich sagen, dass wir uns sehr auf jedes Treffen mit Karel Gott freuen, denn die Begegnungen sind ungeheuer inspirierend und bereichernd. Karel hat auf uns eine wunderbare, belebende Wirkung. Er gibt uns Kraft, nicht nur für die weitere Arbeit, sondern für das Leben überhaupt.

Haben Sie mal einen Weltstar getroffen, denn Sie so schnell nicht vergessen können?

Wunderbar waren die Begegnungen und die Zusammenarbeit mit dem Multinstrumentalisten James Morrison, welcher gegenwärtig zu den drei besten Trompetern gehört und außerdem noch Posaune, Flügelhorn sowie alle Saxophontypen spielt. Und was die klassische Musik betrifft, so erinnere ich mich gerne an einige Arbeitstreffen mit dem Solisten der Mailander La Scala und der New Yorker Metropolitan Opera, dem Bariton Leo Nucci. Obwohl er schon 62 ist, befindet er sich auf dem Höhepunkt seiner schöpferischen Kräfte. Er gehörte zu Herbert von Karajans Lieblingsinterpreten und hat in allen großen Baritonrollen Plattenaufnahmen gemacht, zusammen mit Leuten wie Luciano Pavarotti und Placido Domingo. Mit Maestro Nucci hatten wir uns während seines Prager Aufenthaltes 2003 angefreundet, so dass er den Wunsch äußerte, mit mir in diesem Jahr in Prag eine öffentliche Aufnahme der Verdi-Oper „Macbeth“ zu machen. Einmal wollten wir ihm ein Taxi besorgen, das ihn ins Hilton-Hotel fährt, doch er sagte uns: „Meine Herren, kümmern Sie sich nicht um mich. Ich beherrsche fünf Sprachen und bin in der Lage, mir selber ein Taxi zu rufen. Außerdem möchte ich noch nicht ins Hotel, gerne würde ich mit meiner Frau durch das nächtliche Prag spazieren. Ich verlange von Ihnen nichts. Das einzige was ich wirklich will, ist, dass mein Prager Debüt morgen ein hundertprozentiger Erfolg wird.

Gibt es trotzdem noch etwas, das Sie sich in ihrem Beruf noch gerne erfüllen würden?

Natürlich, ich träume noch von vielen Dingen. Aber ich spreche das nicht laut aus, um es nicht zu beschreien. Ich bin mit dem, was ich gerade jetzt mache, zufrieden. Ich bin Chefdirigent des Großen Orchesters des Žofin-Palais und der Mährischen Philharmonie Olomouc, von Zeit zu Zeit arbeite ich auch mit der Tschechischen Philharmonie, dem SOÈR, dem FOK oder dem POK zusammen. In der Staatsoper Prag habe ich vor einem halben Jahr die Dvoøák-Oper „Dimitri“ einstudiert. Das sind alles wunderschöne Gelegenheiten auf dem Gebiet der klassischen Musik. Um so mehr freue ich mich auf die Große Europatournee der Stars 2005, auf welche ich mit Karel Gott, Lucie Bílá, Štefan Margita, Kateøina Brožová sowie mit der ukrainischen Sopranistin Marina Vyskvorkina gehe und welche uns im Mai 2005 in eine Reihe europäischer Metropole führt. Wir beginnen am 2. Mai in Brüssel, das Tschechische Fernsehen wird unser Konzert live übertragen, und enden am 26. Mai im kasachischen Alma-Ata.

Sie haben das Prager Nationaltheater noch gar nicht erwähnt. Schließlich waren Sie 1994 mit zwanzig Jahren der jüngste Dirigent dieses geschichtsträchtigen Theaters.

Die sogenannte „goldene Kappelle“, in der ich zehn Jahre lang mit großer Freude gearbeitet habe, habe ich nicht erwähnt, weil ich dort nicht mehr tätig bin. Aufgrund meiner Arbeit an dem Musical „Jesus Christ Superstar„ wurde ich aufgefordert, an der Ausschreibung um den Platz eines Dirigenten am Prager Nationaltheater teilzunehmen. Die Ausschreibung verlief erfolgreich. Es folgte das Dirigieren und das Einstudieren verschiedener schöner Opern- und Ballettstücke. Leider ist es mir während dieser zehn Jahre nicht gelungen, an diesem Theater Smetanas „Verkaufte Braut“ oder Dvoøáks „Rusalka“ zu dirigieren. Das sind bis jetzt meine unerfüllten Träume.

Warum sind Sie eigentlich vom Nationaltheater weggegangen?

Das hatte mehrere Gründe. Zum einen glaube ich, dass es sehr gesund ist, nach einer bestimmten Zeit die Umgebung zu wechseln. Außerdem, wenn man bestimmte Ideale hat und bestimmte Vorstellungen, wie die Arbeit aussehen sollte, wie die Vorgesetzten und die Mitarbeiter arbeiten sollten, wenn man noch dazu jung ist, dann sollte man nicht aufgeben und seine Ideale opfern. Und so bin ich gegangen. Aber ich gebe offen zu, dass ich schrecklich gern einmal dahin zurückkehren möchte, weil das meiner Meinung nach das Ziel jedes Operndirigenten in der Tschechischen Republik ist. Ich ziehe das Nationaltheater allen La Scalas dieser Welt vor. Sicher ist es schön, wenn man als Gast dorthin gelangt, aber ich bin Tscheche, darauf bin ich stolz. Ich hoffe nur, dass die Zeit eines Tages reif sein wird, so dass ich mit Freuden an unser Nationaltheater zurückkehren kann. Schon als Junge habe ich davon geträumt, dass ich mit 60 Jahren eine Aufführung am Nationaltheater dirigieren werde. Und dann bin ich mit 20 Jahren dahin gekommen!

Sie waren aber zwei Jahre lang sowohl Dirigent am Nationaltheater, als auch Chefdirigent des Musiktheaters Karlin.

Also das war wirklich eine total schizophrene Zeit und ich wundere mich, dass ich das damals alles geschafft und im Griff gehabt habe.

Und nie hat sich ein kleiner Fehler eingeschlichen?

Aber natürlich ist das passiert. Zum Beispiel dirigierte ich im Stavovské Divadlo Smetanas Oper „Zwei Witwen“ und im Karliner Theater Lehárs Operette „Die lustige Witwe“. Einmal machte ich in meinem Notizbuch zu einem bestimmten Datum den Eintrag „Witwe“. Ich dachte, dass mich an diesem Tag “Die lustige Witwe“ in Karlin erwartet. Also habe ich mir um halb sieben den Frack angezogen und mich aufgemacht um die Solisten zu begrüßen. Mit Entsetzen musste ich aber vor Ort feststellen, dass dort völlig andere Leute waren. Es wurde nämlich nicht „Die lustige Witwe“ sondern das Musical „Verschneite Romanze“ aufgeführt. In dem Moment wurde mir klar, dass ich in zwölf Minuten im Stavovske Divadlo die Oper „Zwei Witwen“ dirigieren muss. Ich ließ den Frack an, setzte mich in ein Taxi und war eine Minute vor sieben im Stavovske Divadlo. Seit dieser Zeit weiß ich, dass man nicht auf zwei Stühlen gleichzeitig sitzen sollte.

Es ist eigentlich nicht üblich, dass Vertreter der klassischen Musik auf die Titelseiten der Boulevardpresse gelangen. Gerade Sie schafften das Ende letzen Jahres, als Sie offen Ihre Meinung zum Fall Bohumil Kulinský kundtaten.

Also, das ist eine Sache zu der ich nicht viel sagen, eine Angelegenheit zu der ich eigentlich gar nicht zurückkehren möchte. Ich sage nur soviel, dass mich eine Aussage des damaligen Direktors des Nationaltheaters Jiøí Srstka gekränkt und gereizt hatte. Jiøí Srstka hatte erklärt, dass alle Künstler auf ihre Weise „durchgeknallt“ sind und dass wir alle ausnahmslos auch ungewöhnliche Methoden verwenden, um gute Ergebnisse zu erreichen. Es kontaktierte mich eine führende tschechische Boulevardzeitung und ich sagte dazu meine ehrliche Meinung. Leider war das, was nachher in der Zeitung stand viel rauer als das, was ich in Wirklichkeit gesagt hatte. Obwohl ich mit der Tschechischen Philharmonie nur von Zeit zu Zeit zusammenarbeite, stand in jener Zeitung, dass ich der Dirigent dieses bedeutensten symphonischen Musikkörpers in Tschechien bin. Ich habe mich nie als solcher ausgegeben und ich muss zugeben, dass es ziemlich viel böses Blut gab, denn der Dirigent der Tschechischen Philharmonie ist in Wirklichkeit Herr Vladimir Válek. Und das ist alles, was ich dazu sagen möchte. Ich war nur bemüht, meine Kollegen zu verteidigen, welche bestimmte Behauptungen und Verhaltensweisen nicht verdient haben.

Jan Adam, Stastny Jim 2004