Anlässlich des ersten Geburtstages seiner Tochter Charlotte Ella gab Karel Gott der tschechischen Zeitschrift Kvìty ein Exklusivinterview. „Ich freue mich jedes Mal auf zu Hause. Für mich lohnt es sich, selbst wenn ich nur für einen Tag nach Hause komme“, erklärt der berühmte Sänger in diesem Gespräch.
Karel Gott - der Tramp
Ich bemühe mich, meiner Partnerin zu gefallen, sie zu begeistern, zu überraschen, sie ständig zu erobern. Ich brauche das Verliebtsein als Lebensinspiration.
Seit Beginn des Jahres ist Karel Gott in Prag immer nur auf einen Sprung vorbeigekommen. Nach der Begrüßung der Familie ging es dann wieder auf Tournee nach Deutschland. Etwas hatte er uns aber versprochen: Dass er zu Hause sein wird, wenn seine Tochter Charlotte Ella Gottová ihren ersten Geburtstag feiert.
Aber auch diesmal kam der stolze Vater nur für einen Tag. Abends ist er bereits der „Stargast“ in einer internationalen Megashow, den die Zuschauer mit einem riesigen Applaus empfangen. Und am 30. April in Nürnberg werden Partnerin Ivana und die kleine Charlotte den Applaus auch zu hören bekommen, denn sie werden bei ihm sein. „Danach geht es sofort nach München. Zum Glück reist die Kleine gerne“, verrät Karel Gott und gleich ist klar, „von wem das Kind das hat“.
Bei welcher Tournee haben Sie sich das erste Mal gesagt: Jetzt bin ich ein international erfolgreicher Sänger?
Wenn sie meine eigenen Tourneen und Konzerte meinen, bei denen die Leute nur kommen, um Karel Gott zu sehen, dann war das gleich nach Las Vegas. 1967 gelangten wir dorthin und ich lernte von meinen Vorbildern, wie man einen ganzen Konzertabend alleine bewältigt.
Und davor?
Ganz am Anfang war ich völlig verrückt nach Jazz. Ich begann meine Karriere zusammen mit Freunden wie Rudolf Rokl, Ludìk Hulan, Karel Krautgartner... und diese Leute empfahlen mir, das Genre zu wechseln, da Jazz nur ein sehr enges Publikum hat. Und sie warnten mich: „Die Fans werden es dir niemals verzeihen, wenn du ein melodisches kleines Lied singst.“ Sie hatten Recht, denn Jazz ist eine Philosophie, eine Weltanschauung, eine bestimmte gesellschaftliche Identität. Der orthodoxe Jazzfan schreibt sein Idol ab, wenn es sich auf den Weg der schönen Unterhaltungsmusik begibt.
Wer hat Sie denn auf diesen Weg gebracht?
Vor allem Rudla Rokl, aber auch die Anderen, die mir halfen auf das Konservatorium zu kommen. Sie sagten: „Du bist ein versteckter natürlicher Tenor, dem noch die Ausbildung fehlt. In dir ist Material, mit welchem der Pädagoge arbeiten kann wie ein Bildhauer.“ Ich habe andauernd gesungen. Zuerst in verschiedenen Tanzkaffees und dann auch in der Schule, wobei ich riskierte, dass sie mich rauswerfen, weil das verboten war. Und dann kamen schon die Auftritte in den Theatern Semafor und Apollo.
Waren Tenöre damals in Mode?
„Aber überhaupt nicht! Die Stars waren damals die Barritonsänger. Wir nannten sie – die Kollegen mögen verzeihen – die Einschläferer. Es waren Brummbären mit sehr angenehmen Stimmen. Damals war man der Meinung, dass ein richtiger Mann eine tiefe Stimme haben muss. Jetzt dominiert schon seit einigen Jahren der emotionale Tenorgesang. Das kann man auch in der Oper sehen. Der Barriton ist fast immer ein Intrigant und ein Spitzbube, der Held, der die Sympathien des Zuschauers hat, ist Tenor. Denken Sie nur an die berühmte Tournee der drei Tenöre...
Wieso war denn das Engagement in Las Vegas so wichtig, mal abgesehen davon, dass es in Amerika war, wo damals auch westeuropäische Sänger nur recht selten auftreten konnten?
Nach einem halben Jahr in Las Vegas hatte ich das Showbusiness förmlich absorbiert; die ganzen One-Man- und One-Woman-Shows, in denen ein Mann oder eine Frau den ganzen Abend gestaltete. Und alles waren Megastars: Frank Sinatra, Diana Ross, Sammy Davis junior... Damals entschloss ich mich, mit dem Kleinkunsttheater aufzuhören, auch wenn die Zeit der Theater Semafor und Apollo wunderschön war, vielleicht sogar unerreichbar was die Hits betrifft. Seit dieser Zeit gebe ich Konzerte und fahre auf Tournee.
Wann begannen Sie mit ihren legendären Weihnachtskonzerten?
Das war 1966.
Laut Zeitzeugen war das alles damals sehr versnobt. Die Damen überlegten dauernd, was sie denn wohl anziehen sollen, in gewisser Weise eine Vorschau auf ihre Solokarriere.
Versnobt ist nicht das richtige Wort. Es war ein feierliches gesellschaftliches Ereignis. Die Vorstellung, dass ich es schaffe, eine große Show über die Bühne zu bringen, ist für mich sehr verlockend. Schon damals begann ich damit, wieder nach amerikanischem Vorbild, mir Gäste einzuladen. Zum einen bringt das Abwechslung für die Zuschauer, vor allem aber springt ein Funken über, der dem Publikum zeigt, warum ich mit diesem Gast singe, warum ich gerade ihn eingeladen habe. Ich muss zeigen was uns verbindet, meistens ist es gegenseitiger Respekt, aber auch überraschen, etwas darbieten, was unserem Image in keinster Weise entspricht: Oper, Operette, Rock, Volkslieder, egal was.
Manche Sänger sagen, dass sie auf langen Konzertreisen den Publikumsapplaus gar nicht mehr richtig wahrnehmen. Wie ist das bei Ihnen?
Bei mir ist es umgekehrt. Die Intensität des Beifalls wird von mir sehr genau wahrgenommen. Das ist fast eine Art Überempfindlichkeit. Manchmal lasse ich das Konzert alleine in meinem Kopf noch mal ablaufen, manchmal bespreche ich es mit Kollegen. Kommt mir das Publikum „spröde“ vor, versuche ich hinter den Grund zu kommen, aber in der Regel gelingt das nicht. Das sind eben Unberechenbarkeiten. Interessant ist, dass ich in Norddeutschland, wo man doch eher ein kühles, nördliches Naturell erwartet, ständig „Standing Ovations“ bekomme.
Sie machen gerade eine Konzertreise durch vierundfünfzig Städte. Kann man so etwas überhaupt überstehen?
Aber natürlich.
Wie?
Wir bemühen uns das ewige Umherfahren möglichst angenehm zu gestalten. Gerade vor ein paar Tagen hatten wir ein Konzert in Schwerin, nachmittags haben wir uns ein Boot ausgeborgt und drei Stunden an einem schönen See verbracht. Außerdem gibt es dort ein märchenhaftes Schloss. Sehen sie, so grausam ist das gar nicht. Zudem finden sich im Team immer mehrere Leute, die die gleichen Interessen haben.
Wie zum Beispiel Pierre Brice, der auch in der Show auftritt?
Das ist einer davon. Ein Weltbürger, der guten Wein liebt und Sinn für Humor hat. Es ist eine Freude mit ihm zusammenzuarbeiten.
Freuen Sie sich auf zu hause, auch wenn es nur für einen Tag ist?
Ja, jedes Mal. Für mich ist es wichtig meine Familie zu sehen, auch wenn ich nur kurz vorbeikomme.
Fahren Sie selbst?
Wenn ich so von Ort zu Ort fahre ja. In Prag habe ich einen Fahrer. Ich sage manchmal, dass ich mich am besten fühle, wenn ich auf Reise bin. Am Steuer habe ich viele Einfälle, die ich dann mit dem Diktaphon aufnehme. Die Fahrt mit dem Auto ist für mich keine verlorene Zeit.
Ist denn das Arbeitsprogramm eines Workoholics mit der Familie überhaupt in Einklang zu bringen?
Nicht sehr. Das ist auch der Grund dafür, dass ich nicht den Mut hatte, eine normale eheliche Beziehung einzugehen. Meine Arbeit erfordert es, dass ich viel reise. Ich kann nicht nur zu Hause, im Prager Stadtteil Smíchov, singen. Damit muss eine Frau an meiner Seite rechnen. Ivana wusste natürlich, was auf sie zukommt, aber als ich ihr mitteilte, auf was für eine lange Tournee ich gehen werde, fing sie fast an zu heulen. Wir sehnen uns nach einander; wir telefonieren mehrmals täglich und ich spreche mit der kleinen Charlotte...
Wie denn? Sie ist doch erst ein Jahr alt.
Sehen Sie, und trotzdem sind Handys ihre große Leidenschaft. Ivana hält ihr das Telefon ans Ohr, sie ruft Papa, dass kann sie schon, und ich begrüße sie und singe ihr ein Stück aus einem Lied vor. Sie hört sehr konzentriert zu, aber weil sie alles schon allein machen möchte, schaltet sie meistens erst einmal das Telefon aus. Dann wird das ganze Ritual wiederholt.
Ist Charlotte musikalisch?
Ich denke, sie hat Musik gern, und das ist das Wichtigste. Wenn ich sie frage: „Wollen wir uns ein Lied anhören?“, lässt sie sofort alles liegen, zeigt auf die Anlage und ruft hier: „Hier!“ Und zweifellos hat sie ein Gefühl für den Rhythmus. Wenn sie nach der Musik hin- und herschaukelt, zeigt sie uns eine sehr elegante Armhaltung, wie es sich für eine Dame aus dem Showbizz gehört. Dieser Auftritt ist für Ivana und mich immer sehr lustig.
Wie schauen eigentlich ihre weiblichen Fans auf diese Beziehung, die ja einen endgültigen Eindruck macht? Haben sie Ihnen schon verziehen?
Da gibt es nichts zu verzeihen und niemand hat mir Vorwürfe gemacht. Das wäre ja auch naiv bis dumm gewesen. Bewunderung funktioniert anders, entweder mag man „seinen Sänger“, oder nicht. Und wenn ja, dann drückt man ihm die Daumen, egal ob er frei oder vergeben ist. Im Übrigen, habe ich an meiner Seite eine attraktive Frau und ein hübsches Kind, dann ist das ganz sicher besser, als wenn ich einsamer alter Wolf wäre, für den sich niemand mehr interessiert.
Ist damit zu rechnen, dass der ewige Tramp Karel Gott jetzt endlich zur Ruhe kommt?
Schauen Sie, wir sind jetzt acht Jahre lang zusammen. Wir sind nicht verheiratet, aber es ist angenehm, dass zwischen uns eine gewisse Unsicherheit, eine positive Spannung herrscht. Ich versuche meine Partnerin zu begeistern, zu überraschen, sie ständig aufs neue zu erobern. Für Ivana ist diese besondere Spannung ein Grund mir zu gefallen. Ich brauche diese Verliebtheit als Lebensinspiration.
Ivana sagte mir in einem Interview wortwörtlich: „Karel ist für mich eine einzige große Überraschung.“
Na sehen Sie!
Momentan liegen Sie in der Disziplin des Überraschens aber auf dem letzten Platz. Selbst der überzeugte alte Junggeselle Jiøí Menzel hat Sie überholt.
Ich kann sprinten. Die Reserven lass ich für die Zielgerade.
War die kleine Charlotte schon auf einem ihrer Konzerte?
Ja, in Ostrava. Und an ihrem ersten Geburtstag wird sie mit Papa das erste Mal auf eine internationale Tournee fahren.
Karel Gott (67)
Mag nicht das Wort Urlaub, das ihm viel zu prosaisch erscheint. Die Entscheidung zu reisen fällt immer im letzten Moment, je nach Situation und Laune. Mit der einjährigen Tochter Charlotte war er schon in den Österreichischen Alpen und auf den Kanarischen Inseln. In der Geschichte des tschechischen Pops ist er der tüchtigste „Springer des Jahres“, seit er sich 1963 von Platz 49 auf Platz 1 verbesserte und so die goldene Nachtigall gewann. Seit dieser Zeit kann man die Goldenen Nachtigallen in Metern messen. Von Januar bis Mai absolviert er eine riesige Konzerttournee durch 54 deutsche Städte, in denen er als Stargast auftritt. Die Zahl seiner verkauften Platten geht in die Millionen. Man kennt ihn in Deutschland, Russland, den Niederlanden und Belgien; er gab Konzerte in Nashville und Japan. Seit acht Jahren lebt er mit Ivana Macháèková zusammen, die am Prager Theater Broadway als Produzentin arbeitet. Über das Kennlernen mit Karel Gott verriet sie folgendes: „Er beeindruckte mich mit seinem Charisma, mit seiner Noblesse, durch seine Fähigkeit Freude und Lachen zu verbreiten und durch seinen hypnotisch tiefen Blick.“
Jana Bednáøová
KVÌTY – 10.5.2007